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Zum Kotzen

Der Standard, 12.Mai 2008
   
"Nur auf einem Gebiet perfekt sein"
Sigrid Tschiedl zeigt in ihrem Theaterstück "Zum Kotzen" das Gesellschafts- symptomatische von Essstörungen auf.

"Wer sagt, dass man es nicht allen recht machen kann?" In den Augen von Lilly, der 16-jährigen Protagonistin des Theaterstücks "Zum Kotzen" ist dies möglich, und mehr noch: Alle, die das Gegenteil behaupten, haben nicht begriffen, worum es im Leben wirklich geht: Leistung, Erfolg, Anerkennung. Um von allen gemocht zu werden, um von allen Anerkennung zu erfahren, sind nur ein paar Opfer nötig: Willensstärke, Ausdauer, Konsequenz.

Immer mehr Mädchen und zunehmend auch Jungen verwenden ihren Körper, um mit dem sich verstärkenden (Leistungs-)Druck in ihrem Leben zurechtzukommen: Er wird durch Essstörungen zum Medium für die Welt und ihre Anforderungen. So auch bei Lilly, deren Eltern hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind, dafür aber umso mehr Freizeitangebote für die pubertierende Tochter bereitstellen. Lilly ist unzufrieden mit sich selbst, und schlittert über das gemeinsame Diät-Halten mit ihrer Mutter in den Teufelskreis der Bulimie hinein.

Die Belohnung für das eigene "Regulieren" zeigt sich im Zuspruch der Clique für den erschlankten Körper und der Freude der Eltern, dass das Kind die erwartete Leistung in Schule und Freizeit bringt. Sigrid Tschiedl hat ein Theaterstück geschrieben, das genau diesen Teufelskreislauf von individuellem Suchtverhalten und gesellschaftlicher Belohnung zum Thema macht. Im Gespräch mit dieStandard.at erklärt die Regisseurin und Kommunikationstrainerin das Schwierige an der Thematisierung von Essstörungen im Allgemeinen: "In vielen Fällen sehe ich das Problem des Nachahmungseffektes. Mein Ziel war es, diesen so weit wie möglich zu vermeiden."

Autobiographische Züge

"Zum Kotzen", das am 15. Mai im Wiener Schuberttheater uraufgeführt wird, beruht auf der Roman-Vorlage Tschiedls, in der sie sich mit ihrer eigenen Bulimie-Erkrankung auseinandergesetzt hat. Das Verlagshaus der Ärzte hat die Prosa unter Vertrag genommen und veröffentlicht es in Kürze in bearbeiteter Form als pädagogisches Lehrmittel. Auch das Theaterstück hat didaktischen Anspruch: Mit dem Stück wird die Regisseurin voraussichtlich ab Herbst an österreichischen Schulen durch die Lande ziehen. "Meines Wissens gibt es bisher kein Theaterstück, das zielgruppengerechte Aufklärung zu diesem Thema macht. Sowohl Aids als auch diverse Drogensüchte gehören inzwischen zum Unterrichtsstoff, nur bei Essstörungen, die zigtausende Mädchen in Österreich betreffen, fehlt diese Integration", so Tschiedl über ihre Motivation, das Stück zu realisieren. Auch die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen seien viel zu selten Thema: "Bulimie produziert irreparable Schäden im Darm, in der Speiseröhre, im Stoffwechsel. In manchen Fällen endet die Krankheit sogar tödlich", warnt Tschiedl vor einer Verharmlosung von Bulimie."Ich kann nicht einmal essen""Zum Kotzen" gibt eindrucksvoll Einblick in eine pubertierende Seele, die sich nicht mehr zurechtfindet in ihrem alten Kinderleben und die Erwachsenenwelt mit ihren Ansprüchen und Konventionen in Frage stellt. Die daraus resultierende Unsicherheit bekämpft sie mit unumstößlicher Härte gegen sich selbst. In ihrem Kopf schmiedet Lilly unablässig Pläne, wie sie noch dünner, beliebter und zielstrebiger werden könnte, um der eigenen "Durchschnittlichkeit" zu entkommen. Umso größer ist dann die Enttäuschung und der Selbsthass, wenn die Vorsätze scheitern (müssen). Am Schluss steht die traurige Erkenntnis: "Ich kann nicht einmal essen".Das Lehrstückhafte von "Zum Kotzen" wird lediglich am Schluss etwas dominant, wenn Lilly erkennt, dass sie Hilfe braucht. Auf individueller Ebene mag dies der einzige Weg sein, um der Suchtkrankheit zu entfliehen, aber wie steht es mit der familiären und gesellschaftlichen Verantwortung? Auch für die Regisseurin steht außer Frage, dass durch die Gesellschaft die aktuell dominierenden Werte wie Erfolg und Leistung transportiert werden: "Vor allem für Frauen entstehen dadurch kaum noch zu erfüllende Rollenbilder. Sie reichen von der toughen Karrierefrau, die toll aussieht bis zur geduldigen Mutter und Lebenspartnerin - am besten alles in einer Person vereint."Trotz der Vielschichtigkeit und Verwobenheit der Einzelnen in die Problematik hat Tschiedl einen Ansatz gefunden, den sie in ihrer eigenen Arbeit erfolgreich erprobt hat: "In meiner Jugendarbeit versuche ich, Jugendlichen zu helfen, einen Sinn zu finden. Junge Menschen werden heute ja oft nur als KonsumentInnen angesprochen oder vielleicht noch als bedürftige Wesen. Meine Aufgabe sehe ich darin, ihnen zu helfen, ihre eigene Persönlichkeit zu finden." Dass Sinn auch immer gesellschaftlich produziert wird, will Tschiedl deshalb nicht bestreiten: "Die Frage ist doch, wie diese Erfolgserlebnisse, die Werte produzieren, zustandekommen. Wenn Jugendliche die Möglichkeit bekommen, etwas zu produzieren, sich kreativ zu betätigen, dann ist das schon viel wert." (Ina Freudenschuß, dieStandard.at, 12.5.2008)

Zum Kotzen
Regie: Sigrid Tschiedl
Darstellerin: Verena Leitner
Musik: Minze (3 Stücke)

Premiere: 15. Mai, 19.30 Uhr